Deus ex MaKIna

KI zwischen Schlagzeile, Forschung und Wirklichkeit

Ein kuratierter Blick auf die Welt
der künstlichen Intelligenz

← Zur Beitragsübersicht

🧪 Wenn KI nicht mehr nur forscht, sondern selbst experimentiert

Künstliche Intelligenz kann wissenschaftliche Arbeiten auswerten, Hypothesen entwickeln und bei der Planung von Experimenten helfen. Doch was passiert, wenn sie anschließend auch die Laborgeräte bedienen darf? Zwei Forschungsprojekte aus Kanada und China zeigen, wie weit diese Entwicklung inzwischen geht.

Quellen: https://www.nature.com/articles/d41586-026-03587-x

https://www.nature.com/articles/s41586-026-11228-6

https://www.nature.com/articles/d41586-026-03552-8

🔎 Was ist passiert?

An der University of Toronto in Kanada haben Forscher ein System entwickelt, bei dem mehrere KI-Agenten gemeinsam ein automatisiertes Labor planen und betreiben können.

Ein Wissenschaftler beschreibt, welche Experimente durchgeführt werden sollen und welche Geräte zur Verfügung stehen. Die KI entwickelt daraus die einzelnen Arbeitsschritte und erstellt zunächst eine virtuelle Kopie des Labors.

Dort kann sie ausprobieren, ob alle Bewegungen funktionieren, Geräte erreichbar sind und Roboter sich nicht gegenseitig behindern. Erst danach werden die Abläufe auf die realen Maschinen übertragen.

Bei einem Versuch plante das System mehr als 200 einzelne Anweisungen für einen Roboterarm, der anschließend Messungen an Nanokristallen durchführte.

Die KI kann sogar dabei helfen, ein neues Labor zu entwerfen und die Geräte möglichst sinnvoll anzuordnen.

In China geht die Entwicklung noch einen Schritt weiter.

Forscher der Shanghai Jiao Tong University haben mit AutoDNA ein weitgehend automatisiertes Labor für molekularbiologische Experimente vorgestellt.

Das System verbindet KI-Agenten mit mehr als 20 verschiedenen Laborgeräten. Es kann unter anderem Experimente mit DNA planen, Proben bearbeiten, Messungen durchführen und die Ergebnisse auswerten.

Statt jeden einzelnen Arbeitsschritt vorzugeben, können Wissenschaftler dem System eine übergeordnete Aufgabe stellen. Die KI organisiert daraufhin einen großen Teil der notwendigen Abläufe.

Die chinesische Forschungsarbeit wurde am 4. November in der Fachzeitschrift Nature veröffentlicht.

⚖️ Der Realitätscheck

Stehen wir damit vor Laboren, in denen KI völlig selbstständig wissenschaftliche Durchbrüche produziert?

Noch nicht.

Das kanadische System wurde bisher in begrenzten Versuchen demonstriert. Seine Forschungsarbeit liegt bislang als sogenannter Preprint vor und wurde noch nicht abschließend wissenschaftlich begutachtet.

AutoDNA ist bereits ausführlicher untersucht und veröffentlicht worden. Aber auch dort benötigen die Maschinen menschliche Betreuung, geeignete Versuchsanordnungen und zuverlässige Kontrollmechanismen.

Außerdem ist ein erfolgreich automatisierter Laborablauf noch keine Garantie für eine wissenschaftlich richtige Schlussfolgerung.

Die KI übernimmt bestimmte Tätigkeiten von Wissenschaftlern – nicht automatisch deren gesamte Verantwortung.

💡 Warum ist das interessant?

Die spannendste Veränderung könnte darin liegen, dass KI künftig nicht mehr nur Vorschläge macht, die Menschen anschließend mühsam ausprobieren müssen.

Sie könnte selbstständig Experimente vorbereiten, durchführen, auswerten und auf Grundlage der Ergebnisse weitere Versuche anstoßen.

Gerade bei der Suche nach neuen Materialien, Medikamenten oder biologischen Verfahren wären dadurch deutlich mehr Experimente in kürzerer Zeit denkbar.

Bereits im August haben wir darüber berichtet, wie Anthropic KI-Agenten die Steuerung realer Laborgeräte ermöglichen will.

Die neuen Forschungsprojekte zeigen nun zwei konkrete Wege, wie solche Systeme aussehen können.

Vielleicht entsteht die nächste große Veränderung der Wissenschaft deshalb nicht dadurch, dass eine KI plötzlich die eine geniale Idee hat.

Sondern dadurch, dass sie tausend vernünftige Ideen ausprobieren kann, während ein menschlicher Forscher noch beim zehnten Experiment ist.

← Zur Beitragsübersicht