Was passiert nachts in britischen Wäldern, wenn die meisten Menschen längst schlafen? Eine außergewöhnlich große Untersuchung liefert darauf neue Antworten. Forscher haben über Jahre hinweg die Geräusche von Fledermäusen aufgezeichnet und mithilfe künstlicher Intelligenz ausgewertet. Das Ergebnis: mehr als 98 Millionen erkannte Fledermausrufe und neue Erkenntnisse darüber, welche Wälder für die Tiere besonders wichtig sind.
🔎 Was ist passiert?
Am 30. Oktober 2026 berichtete das University College London über eine der bislang umfangreichsten akustischen Untersuchungen von Fledermäusen in britischen Wäldern.
Das Projekt trägt den Namen National Woodland Bat Survey.
Beteiligt waren unter anderem der Bat Conservation Trust, die Forschungsorganisation Forest Research sowie Wissenschaftler des University College London und der Universität Edinburgh.
Die Datenerhebung fand zwischen 2021 und 2024 statt.
Untersucht wurden 310 Waldstandorte in England.
An jedem Standort platzierten die Forscher drei Aufnahmegeräte, die jeweils neun Nächte lang Fledermausrufe aufzeichneten.
Insgesamt kamen so 9.734 Aufnahmenächte zusammen.
Die gesammelten Daten sind beeindruckend:
Rund 90.000 Stunden Tonaufnahmen, 217 Terabyte Audiodaten und mehr als 98 Millionen erkannte Fledermausrufe.
Doch wie kann man eine solche Datenmenge überhaupt auswerten?
Hier kam künstliche Intelligenz zum Einsatz.
Fledermäuse orientieren sich häufig mithilfe von Echoortung.
Dafür senden sie hochfrequente Laute aus und nutzen deren Echos, um Hindernisse und Beutetiere wahrzunehmen.
Viele dieser Rufe liegen außerhalb des menschlichen Hörbereichs.
Mit geeigneten Aufnahmegeräten lassen sie sich jedoch erfassen und analysieren.
Die verschiedenen Fledermausarten erzeugen teilweise charakteristische Rufmuster.
KI-Systeme halfen dabei, die Millionen Aufnahmen nach Fledermausrufen zu durchsuchen und diese bestimmten Arten oder Artengruppen zuzuordnen.
Ohne automatisierte Verfahren wäre eine Auswertung dieser Größenordnung kaum möglich gewesen.
Die Wissenschaftler verglichen die Ergebnisse anschließend mit Informationen über die jeweiligen Wälder.
Dabei ging es unter anderem um Baumarten, Waldstruktur, Umgebung und klimatische Bedingungen.
So wollten sie herausfinden, welche Lebensräume von Fledermäusen besonders häufig genutzt werden.
Die Untersuchung zeigte beispielsweise, dass Laubwälder im Durchschnitt besonders hohe Fledermausaktivitäten aufwiesen.
Die Zwergfledermaus wurde an allen 310 untersuchten Standorten nachgewiesen.
Andere Arten waren deutlich seltener vertreten.
⚖️ Der Realitätscheck
Die Zahl von 98 Millionen bedeutet nicht, dass die Forscher 98 Millionen einzelne Fledermäuse entdeckt haben.
Gezählt wurden erkannte Rufe – nicht Tiere.
Eine einzige Fledermaus kann während eines Fluges zahlreiche Laute ausstoßen.
Auch die automatische Zuordnung ist nicht immer eindeutig.
Einige Arten erzeugen sehr ähnliche Echoortungsrufe, die sich selbst für erfahrene Spezialisten nur schwer unterscheiden lassen.
Deshalb wurden ausgewählte Ergebnisse durch Fledermausexperten überprüft.
Die hohe Datenmenge garantiert außerdem nicht, dass jede Art überall zuverlässig nachgewiesen werden konnte.
Akustische Erhebungen erfassen vor allem die Aktivität rufender Tiere innerhalb der Reichweite der Sensoren.
Sie liefern damit wertvolle Informationen über die Nutzung eines Lebensraums, aber nicht ohne Weiteres eine exakte Bestandszählung.
Auch ist die Untersuchung kein neues Experiment vom November. Die Aufnahmen wurden über mehrere Jahre gesammelt; die Ergebnisse wurden Ende Oktober öffentlich vorgestellt.
💡 Warum ist das interessant?
Künstliche Intelligenz wird häufig mit Chatbots, Bildgeneratoren und Robotern verbunden.
Dabei kann sie auch bei Aufgaben helfen, die auf den ersten Blick viel unspektakulärer wirken.
Die automatische Auswertung von Naturgeräuschen gehört dazu.
Viele Tierarten lassen sich anhand ihrer Laute erkennen.
Das gilt für Fledermäuse ebenso wie für zahlreiche Vogelarten, Amphibien oder andere Tiere.
Wenn solche Aufnahmen in großem Umfang ausgewertet werden können, entstehen neue Möglichkeiten für den Naturschutz.
Wissenschaftler könnten Veränderungen in Lebensräumen früher erkennen und besser untersuchen, wie sich beispielsweise Waldumbau, Klimaveränderungen oder menschliche Eingriffe auf die Tierwelt auswirken.
Besonders interessant ist, dass die KI hier keine eigene Theorie über die Natur entwickeln muss.
Sie hilft zunächst dabei, aus einer kaum überschaubaren Datenmenge verwertbare Beobachtungen zu machen.
Die eigentliche wissenschaftliche Interpretation bleibt Aufgabe der Forscher.
Und vielleicht ist das eine der angenehmsten Anwendungen künstlicher Intelligenz:
Während wir Menschen darüber diskutieren, ob Maschinen irgendwann Bewusstsein entwickeln, hilft eine KI erst einmal dabei, herauszufinden, was die Fledermäuse nachts im Wald treiben.
98 Millionen Rufe sind schließlich eine ganze Menge Gesprächsstoff.
