Ein verschlüsselter Militärbrief aus dem Jahr 1809 galt lange als praktisch unlesbar. Ein KI-Modell half nun dabei, aus einer einzigen alten Abbildung eine überprüfbare Lesart zu entwickeln – eine schöne Geschichte, allerdings etwas anders als die Schlagzeile vom „Brief Napoleons“ vermuten lässt.
Quellen:
https://carter.church/writeups/the-letter-to-marmont/
🔎 Was ist passiert?
Der KI-Ingenieur Carter Church untersuchte eine chiffrierte Nachricht an den französischen General Auguste de Marmont. Er arbeitete mit einer niedrig aufgelösten Reproduktion aus der französischen Militärzeitschrift Revue historique des Armées von 1969. Die Seite enthält eine offene französische Zeile und anschließend 24 Reihen aus Zahlen, Buchstaben und erfundenen Zeichen.
OpenAIs Modell GPT-6 Astra half nach Churchs Dokumentation, die Abbildung in Zeilen zu zerlegen, rund 1.300 Chiffriereinheiten mit 155 verschiedenen Zeichen zu transkribieren und eine bereits bekannte Teiltabelle mit 33 Buchstabenwerten zuzuordnen. Den übrigen Schlüssel erarbeitete das System mit einem rechnerischen Suchverfahren; Church veröffentlichte Schlüssel, Transkription, technische Notizen und ein Lösungspaket.
Die entschlüsselte Nachricht listet Stellungen und Truppenstärken französischer und verbündeter Verbände kurz vor dem Krieg mit Österreich auf. Sie passt eng zu einem bekannten Befehl Napoleons vom 16. März 1809 an seinen Stiefsohn Eugène de Beauharnais, Marmont verschlüsselt über diese Kräfte zu informieren.
⚖️ Der Realitätscheck
Es handelt sich nicht um einen eigenhändig geschriebenen Geheimbrief Napoleons. Die Nachricht wurde auf seinen Befehl aus Eugènes Hauptquartier an Marmont gesandt und ist nicht von einer bestimmten Person unterschrieben. Die populäre Kurzform ist verständlich, aber historisch ungenau.
Auch „die KI hat den Code allein geknackt“ wäre zu schlicht. Das Modell fand eine vorhandene Teiltabelle, nutzte historische Vergleichsdokumente und führte einen rechnerischen Optimierungsprozess aus. Entscheidend ist, dass die vorgeschlagene Lösung mechanisch auf die Chiffre zurückgeführt werden kann und die bekannten Truppenangaben in Reihenfolge und Größenordnung bestätigt.
Die Arbeit ist eine ausführlich dokumentierte Rekonstruktion eines unabhängigen Ingenieurs, keine abgeschlossene peer-reviewte historische Edition. Fachleute halten die Übereinstimmung mit Napoleons bekanntem Auftrag für stark; einzelne Lesarten können dennoch weiter geprüft werden.
💡 Warum ist das interessant?
Der eigentliche Fortschritt liegt nicht in magischer Geschichtsdeutung, sondern in der Verbindung mehrerer mühsamer Arbeitsschritte: Bildanalyse, Handschriftentranskription, Archivrecherche, Kryptanalyse und historische Gegenprüfung.
Gerade Archive enthalten unzählige schlecht lesbare, unvollständig katalogisierte oder nie systematisch ausgewertete Dokumente. KI kann Forschern dort Ausdauer und Sucharbeit abnehmen. Sie ersetzt die Quellenkritik nicht – aber sie kann Material zugänglich machen, das sonst womöglich weitere Jahrzehnte unbeachtet geblieben wäre.
