Deus ex MaKIna

KI zwischen Schlagzeile, Forschung und Wirklichkeit

Ein kuratierter Blick auf die Welt
der kĂĽnstlichen Intelligenz

🎓 Brauchen wir in der KI-Zeit noch die klassische Universität? – Teil 1/4

Geschätzte Lesezeit: ca. 9 Minuten

Teil 1 unserer vierteiligen Reihe ĂĽber Bildung, Arbeit und Menschsein in einer Welt mit KI.

Was passiert eigentlich mit unserem Bildungssystem, wenn Wissen jederzeit verfügbar ist, KI komplexe Inhalte in Sekunden erklären kann und Unternehmen beginnen, Menschen auf eigenen Wegen auszubilden?

Diese Reihe ist keine Prognose. Niemand weiß, wie Schule, Universität und Arbeitswelt in zwanzig, fünfzig oder hundert Jahren aussehen werden. Wir wollen deshalb bewusst etwas tun, das in der öffentlichen KI-Debatte manchmal zu kurz kommt: nicht zuerst fragen, was alles schiefgehen könnte, sondern welche Chancen in dieser Entwicklung stecken könnten.

Natürlich gibt es Risiken. Abhängigkeit von großen Technologieunternehmen, falsche KI-Antworten, Datenschutzprobleme, wirtschaftliche Umbrüche und mögliche Arbeitsplatzverluste verschwinden nicht, nur weil man optimistisch auf die Zukunft blickt. Aber Risiken sind eben nicht die einzige mögliche Geschichte.

Vielleicht zwingt uns KI auch dazu, einige erstaunlich alte Fragen neu zu stellen: Was müssen Menschen eigentlich lernen? Wozu brauchen wir Abschlüsse? Und ist ein Bildungssystem, das Menschen am Anfang ihres Lebens mehrere Jahre mit Wissen ausstattet und sie anschließend für vierzig Berufsjahre in die Welt entlässt, überhaupt noch zeitgemäß?

Ein Unternehmen bildet sich seine Fachkräfte einfach selbst aus

Ein aktueller Anlass für diese Überlegung kommt ausgerechnet von Palantir. Das US-Technologieunternehmen bietet mit seinem Meritocracy Fellowship ein viermonatiges Programm für besonders leistungsfähige Schulabsolventen an. Die Teilnehmer arbeiten direkt mit Palantir-Teams an realen technischen Problemen. Wer sich bewährt, erhält anschließend die Möglichkeit, sich für eine Vollzeitstelle zu bewerben.

Das Interessante daran ist weniger Palantir selbst als die dahinterstehende Idee. Warum sollte ein Unternehmen vier oder fünf Jahre darauf warten, dass jemand einen Hochschulabschluss erwirbt, wenn es geeignete Menschen auch selbst auswählen, praktisch erproben und unmittelbar für reale Aufgaben qualifizieren kann?

Das ist bislang kein Abschied von der Universität. Palantir stellt weiterhin Hochschulabsolventen ein und bietet klassische Praktika und Programme für Studierende an. Es entsteht lediglich ein zweiter Weg daneben.

Und möglicherweise ist genau das der interessante Teil.

Was kaufen wir eigentlich mit einem Hochschulabschluss?

Ein Studium erfüllt heute mehrere Aufgaben gleichzeitig. Eine Universität vermittelt Wissen und wissenschaftliche Methoden, betreibt Forschung, ermöglicht persönliche Entwicklung und schafft soziale und berufliche Netzwerke. Ein Abschluss funktioniert auf dem Arbeitsmarkt zusätzlich als Signal: Dieser Mensch hat über mehrere Jahre bewiesen, dass er bestimmte Anforderungen erfüllen kann.

Das war lange außerordentlich wertvoll. Doch was passiert, wenn einzelne Bestandteile dieses Pakets plötzlich auch anders erhältlich sind?

Wissen lässt sich schon lange online beschaffen. Mit KI kommt nun hinzu, dass dieses Wissen erklärt, strukturiert, übersetzt, verglichen und an das Verständnis des jeweiligen Nutzers angepasst werden kann. Praktische Fähigkeiten können unmittelbar im Unternehmen erworben werden. Leistungsfähigkeit lässt sich anhand realer Aufgaben, Projekte und Arbeitsproben testen. Und Weiterbildung muss ohnehin immer häufiger stattfinden, weil Werkzeuge und Anforderungen schneller wechseln.

Dann stellt sich zwangsläufig die Frage, ob jeder Mensch für jede anspruchsvolle Tätigkeit noch denselben großen Bildungsblock am Anfang seines Berufslebens braucht.

Der Abschluss fĂĽrs ganze Leben funktioniert immer schlechter

Unser klassisches Modell stammt aus einer Welt, in der berufliches Wissen wesentlich langsamer alterte. Man absolvierte eine Ausbildung oder ein Studium und hatte anschließend ein solides Fundament, auf dem sich ein großer Teil des Berufslebens aufbauen ließ. Natürlich musste man sich auch früher weiterbilden. Aber möglicherweise verändert sich jetzt die Größenordnung.

Das World Economic Forum berichtet im Future of Jobs Report 2025, dass Arbeitgeber zunehmend Berufserfahrung und konkrete Fähigkeiten in ihre Auswahl einbeziehen. 43 Prozent der befragten Unternehmen erwarteten, einen Hochschulabschluss bis 2030 weiterhin als Auswahlkriterium zu verwenden. Gleichzeitig zeigt derselbe Bericht, dass viele stark wachsende Berufe weiterhin akademische Qualifikationen verlangen. Der Abschluss verschwindet also keineswegs – seine Rolle könnte sich aber verändern.

Vielleicht bedeutet Bildung künftig weniger: „Ich habe mit 25 meine Ausbildung abgeschlossen.“ Und häufiger: „Ich habe eine Grundlage erworben – und bilde mich während meines gesamten Berufslebens immer wieder neu.“

Aus einem großen Abschluss könnten viele Lernphasen werden: Grundausbildung, Berufserfahrung, Spezialisierung, Arbeit, Weiterbildung und vielleicht zehn Jahre später noch einmal eine vollkommen neue Spezialisierung. Lernen würde vom Lebensabschnitt zum Dauerzustand.

Ăśberakademisierung war schon vor KI ein Thema

Dieser Wandel beginnt nicht erst mit ChatGPT. Seit Jahren wird darüber diskutiert, ob unsere Gesellschaften akademische Bildung teilweise zu stark zum Normalweg erklärt haben. Immer mehr junge Menschen studieren, während gleichzeitig in vielen praktischen Berufen qualifizierter Nachwuchs fehlt.

Dabei führt ein Hochschulabschluss längst nicht automatisch in einen hochbezahlten oder akademisch anspruchsvollen Beruf. In manchen Fachrichtungen konkurrieren viele Absolventen um begrenzte Stellen oder arbeiten später in Tätigkeiten, für die ein Studium nicht zwingend erforderlich gewesen wäre. Gleichzeitig kann es erheblich schwieriger sein, kurzfristig einen guten Elektriker, Heizungsinstallateur oder anderen Fachhandwerker zu bekommen.

Das ist kein Argument gegen Hochschulen. Es ist ein Argument gegen die Vorstellung, akademische Bildung sei grundsätzlich höherwertiger als berufliche oder praktische Qualifikation.

Der Arbeitsmarkt bewertet letztlich nicht den schönsten Titel, sondern Fähigkeiten, die tatsächlich benötigt werden – und Knappheit.

KI könnte diese Entwicklung noch einmal beschleunigen. Denn ausgerechnet manche Tätigkeiten, die bisher als besonders „intellektuell“ galten, bestehen zu einem erheblichen Teil aus Recherche, Standardanalyse, Dokumentation, Textproduktion oder dem Anwenden formalisierter Regeln. Genau dort werden KI-Systeme schnell besser.

Praktische Arbeit in einer unübersichtlichen realen Umgebung ist dagegen überraschend schwierig zu automatisieren. Eine KI kann einem Installateur vielleicht erklären, wo ein Fehler wahrscheinlich liegt. Sie steigt deshalb noch lange nicht in einen engen Keller, löst eine korrodierte Verschraubung, merkt, dass das vorgesehene Ersatzteil doch nicht passt und improvisiert eine sichere Lösung.

Vielleicht mĂĽssen wir deshalb langfristig nicht weniger ĂĽber Bildung reden, sondern weniger hierarchisch ĂĽber unterschiedliche Formen von Bildung.

Wenn Deutsch zur Programmiersprache wird

Besonders anschaulich wird diese Verschiebung beim Programmieren.

Jahrzehntelang war der Weg klar: Wer Software entwickeln wollte, musste Programmiersprachen lernen, Syntax beherrschen und technische Anweisungen in einer Form ausdrĂĽcken, die ein Computer versteht.

Heute kann bereits ein Consumer-KI-System auf eine Anweisung in Alltagssprache umfangreichen Code erzeugen, Fehler suchen und Änderungen vornehmen. Noch braucht es gerade bei komplexer Software erhebliches Fachwissen. Sicherheit, Architektur, Performance und Fehlersuche verschwinden nicht einfach.

Aber man kann den Gedanken einmal bewusst ĂĽberspitzen:

Was ist kĂĽnftig die wichtigste Programmiersprache? In Deutschland vielleicht Deutsch. In GroĂźbritannien Englisch. Anderswo eben die jeweilige Alltagssprache.

Nicht weil klassisches Programmieren morgen verschwindet, sondern weil sich die Schnittstelle verändert. Der Mensch beschreibt zunehmend, was entstehen soll, während KI einen größeren Teil des technischen „Wie“ übernimmt.

Dann verschiebt sich auch hier der Wert. Weniger entscheidend könnte werden, ob jemand jede Syntax auswendig beherrscht. Wichtiger wird vielleicht, ob er ein Problem versteht, Anforderungen präzise formulieren, ein Ergebnis prüfen und Fehler erkennen kann.

Jura ohne Gesetzesgedächtnis?

Ähnliches lässt sich beim Recht beobachten. Ein Jurist muss weiterhin verstehen, wie Normen zusammenhängen, wie Gesetze ausgelegt werden, welche Beweise relevant sind und welche Folgen eine Entscheidung haben kann.

Aber muss sein besonderer Wert künftig noch darin liegen, möglichst viele Paragraphen, Urteile und Kommentare jederzeit selbst abrufen zu können?

KI-Systeme können schon heute große Dokumentenmengen durchsuchen, Entscheidungen vergleichen und Argumentationslinien vorbereiten. Damit wird juristisches Wissen nicht überflüssig. Aber vielleicht verschiebt sich der Schwerpunkt: weg vom reinen Informationsabruf und hin zum Erkennen des Problems, zum Stellen der richtigen Fragen, zum Prüfen der Ergebnisse, zum Abwägen konkurrierender Argumente – und schließlich zur Verantwortung für eine Entscheidung.

KI könnte Wissen billiger machen. Urteilsfähigkeit wird dadurch nicht automatisch billiger. Vielleicht sogar im Gegenteil.

Die Universität muss deshalb nicht sterben

Der bewusst provokante Gedanke vom „Tod der Universität“ greift zu kurz. Universitäten sind weit mehr als Unterrichtseinrichtungen. Sie betreiben Grundlagenforschung, verfügen über Labore und wissenschaftliche Infrastruktur, entwickeln Methoden und schaffen Räume für Erkenntnis, deren wirtschaftlicher Nutzen manchmal erst Jahrzehnte später sichtbar wird.

Auch Medizin, Naturwissenschaften, Ingenieurwesen und zahlreiche regulierte Berufe lassen sich nicht einfach durch ein paar Onlinekurse und einen KI-Tutor ersetzen.

Eine mögliche Zukunft sieht deshalb weniger nach dem Verschwinden der Universität aus als nach einem Verlust ihres bisherigen Monopols auf hochwertige Ausbildung und berufliche Qualifikation.

Neben sie könnten Unternehmensakademien, bezahlte Fellowships, duale Modelle, kurze Intensivprogramme, spezialisierte Zertifikate, KI-gestütztes Selbststudium und kontinuierliche Weiterbildung treten. Die Universität wäre dann ein Bildungsanbieter unter mehreren – wenn auch weiterhin ein besonders wichtiger.

⚖️ Der Realitätscheck: Firmenausbildung ist nicht automatisch bessere Bildung

Auch das neue Modell hat eine problematische Seite. Eine Universität soll Menschen nicht ausschließlich dafür ausbilden, bei einem bestimmten Unternehmen möglichst produktiv zu funktionieren. Bildung hat einen größeren Auftrag. Sie vermittelt wissenschaftliches Denken, gesellschaftliche Zusammenhänge, Kritikfähigkeit und im besten Fall auch die Fähigkeit, bestehende Systeme infrage zu stellen.

Ein Unternehmen hat dagegen naturgemäß eigene Interessen. Wer seine komplette Ausbildung bei einem Arbeitgeber erhält, könnte hervorragend auf dessen aktuelle Bedürfnisse vorbereitet sein – und gleichzeitig wesentlich enger ausgebildet werden.

Deshalb geht es nicht darum, ein Bildungssystem durch ein anderes zu ersetzen. Interessanter wäre eine Zukunft, in der verschiedene Wege nebeneinander existieren. Ein Mensch studiert klassisch an einer Universität. Ein anderer absolviert eine berufliche Ausbildung und ergänzt sie mit KI-gestützten Spezialkursen. Ein dritter beginnt direkt in einem Unternehmen. Ein vierter kombiniert all diese Wege und wechselt im Laufe seines Lebens mehrfach zwischen ihnen.

Dann würde irgendwann vielleicht weniger entscheidend sein: „Welchen Abschluss hast du?“ Sondern zunehmend:

Was kannst du – und kannst du dir neue Fähigkeiten aneignen?

Und sobald wir diesen Gedanken ernst nehmen, folgt unmittelbar die nächste Frage: Wenn Menschen nicht mehr vor allem deshalb lernen müssen, möglichst viele Informationen im Kopf zu speichern – was sollten sie stattdessen lernen?

Quellen und weiterfĂĽhrende Literatur

Palantir – Students and Early Talent

World Economic Forum – Future of Jobs Report 2025: Workforce Strategies

OECD – What should teachers teach and students learn in a future of powerful AI?



Entdecke mehr von Deus ex maKIna

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen