Über Kuscheltiere, Selbstgespräche, digitale Vertraute und eine Gesellschaft, in der sich viele Menschen trotz ständiger Vernetzung allein fühlen.
Wenn jemand erzählt, er habe sich in eine künstliche Intelligenz verliebt, reagieren viele Menschen zunächst mit Verwunderung. Manche schütteln den Kopf, andere machen sich Sorgen. Wieder andere finden die Vorstellung schlicht absurd.
Eine Beziehung zu ChatGPT, Claude, Gemini oder einem virtuellen KI-Charakter? Zu einem Computerprogramm?
Im ersten Moment klingt das tatsächlich ungewöhnlich. Und die Frage, wie gesund solche Beziehungen sind, ist durchaus berechtigt. Aber vielleicht lohnt es sich, zunächst eine andere Frage zu stellen: Ist es wirklich so ungewöhnlich, dass Menschen emotionale Bindungen zu etwas entwickeln, das ihre Gefühle gar nicht erwidern kann?
🧸 Der Teddybär, das alte Auto und der unerreichbare Star
Ein Kind spricht mit seinem Lieblingskuscheltier. Es erzählt dem Teddybären seine Sorgen, nimmt ihn mit ins Bett und findet Trost in seiner Gegenwart. Niemand erwartet vom Teddybären, dass er das Kind tatsächlich versteht. Trotzdem kann die emotionale Bedeutung dieser Beziehung vollkommen real sein.
Erwachsene kennen ähnliche Phänomene. Manche hängen an einem alten Auto, einem geerbten Möbelstück oder einem Gegenstand, der sie über viele Jahre begleitet hat. Sie geben ihm einen Namen, verbinden Erinnerungen damit und wären aufrichtig traurig, ihn zu verlieren.
Etwas anders, aber ebenfalls interessant, sind emotionale Bindungen zu Prominenten. Menschen können sich einem Musiker, Schauspieler oder Influencer verbunden fühlen, obwohl sie diese Person gar nicht persönlich kennen. In der Psychologie spricht man dabei von parasozialen Beziehungen.
Solche Bindungen können Freude, Orientierung und Zugehörigkeit vermitteln. Sie sind nicht automatisch problematisch. Allerdings können sie in einzelnen Fällen auch übersteigerte Formen annehmen, etwa wenn jemand überzeugt ist, eine prominente Person führe heimlich eine Liebesbeziehung mit ihm.
Nicht jede einseitige emotionale Bindung ist krankhaft. Entscheidend ist unter anderem, wie sie erlebt wird und welche Folgen sie fĂĽr das Leben eines Menschen hat.
Und nun kommt kĂĽnstliche Intelligenz ins Spiel.
💬 Was passiert, wenn der Teddybär plötzlich antwortet?
Der entscheidende Unterschied ist auf den ersten Blick verblĂĽffend einfach: Eine KI antwortet.
Der Teddybär schweigt. Das geliebte Auto fährt bestenfalls zuverlässig. Der Popstar weiß möglicherweise nicht einmal, dass sein Fan existiert. Eine KI dagegen reagiert auf das, was wir sagen.
Sie greift Gedanken auf, stellt Rückfragen, erklärt Zusammenhänge, macht Vorschläge und kann über längere Zeit einen Gesprächsfaden fortführen. Manche Systeme berücksichtigen sogar Informationen aus früheren Unterhaltungen. Dadurch entsteht etwas Neues: Eine technische Anwendung, die nicht nur zum Gegenstand menschlicher Gefühle werden kann, sondern sprachlich auf diese Gefühle reagiert.
Das bedeutet nicht, dass sie dieselben Gefühle erlebt. Die menschenähnliche Gesprächsfähigkeit eines KI-Modells ist kein Beleg dafür, dass es versteht, empfindet oder liebt wie ein Mensch. Ob Maschinen jemals Bewusstsein entwickeln können, ist eine offene wissenschaftliche und philosophische Frage.
Doch für das menschliche Erleben macht die Antwortfähigkeit einen gewaltigen Unterschied. Es ist eben etwas anderes, einem Teddybären zu erzählen, dass man einen schlechten Tag hatte, oder einer KI, die darauf eingeht, Rückfragen stellt und vielleicht einen Gedanken formuliert, auf den man selbst noch nicht gekommen war.
Die Psychologin und MIT-Forscherin Sherry Turkle beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit solchen Beziehungen zwischen Menschen und technischen Systemen. Ein aktueller TechCrunch-Bericht vom 9. Oktober 2026 greift ihre Überlegungen zur künstlichen Intimität auf. Die grundlegende Beobachtung: Menschen reagieren mitunter ganz selbstverständlich sozial auf Maschinen – selbst wenn sie wissen, dass diese kein menschliches Gegenüber sind.
🪞 Ein Selbstgespräch mit Feedback?
Vielleicht lässt sich ein Teil dieser Erfahrung mit etwas vergleichen, das Menschen schon sehr lange tun: mit sich selbst sprechen.
Manche führen hörbare Selbstgespräche. Andere denken innerlich in ganzen Dialogen. Wieder andere schreiben Tagebuch oder verfassen Briefe, die sie niemals abschicken. Ein Brief an einen Menschen, über den man sich geärgert hat, kann beispielsweise helfen, Gefühle in Worte zu fassen, ohne dass der Empfänger ihn jemals liest.
Solche Strategien haben einen gemeinsamen Kern: Etwas, das zuvor ungeordnet im Kopf kreiste, bekommt durch Sprache eine Form.
Die psychologische Forschung beschäftigt sich seit Langem damit. Untersuchungen zu bestimmten Formen des Selbstgesprächs zeigen, dass sie helfen können, emotionalen Abstand zu gewinnen. Beispielsweise kann es einen Unterschied machen, ob jemand innerlich ausschließlich aus der Ich-Perspektive über ein Problem nachdenkt oder sich selbst mit etwas Distanz betrachtet.
Auch das sogenannte expressive Schreiben, bei dem Menschen belastende Gedanken und GefĂĽhle schriftlich ausdrĂĽcken, wurde vielfach untersucht. Eine Metaanalyse von 2023 fand kleine, aber statistisch nachweisbare Verbesserungen bei bestimmten psychischen Belastungssymptomen. Die Ergebnisse unterscheiden sich allerdings je nach Untersuchungsgruppe und Vorgehensweise.
Es wäre deshalb übertrieben, daraus abzuleiten, dass jedes Selbstgespräch oder jeder geschriebene Brief automatisch therapeutisch wirkt. Man kann sich schließlich auch in negativen Gedanken verlieren. Doch die Grundidee ist gut nachvollziehbar: Gedanken auszusprechen oder aufzuschreiben kann helfen, sie zu sortieren.
Und genau hier bietet die KI eine neue Variante.
Man könnte ein Gespräch mit ihr als eine Art Selbstgespräch mit Feedback betrachten.
Der Mensch bringt seine Gedanken, Erinnerungen, Sorgen und Fragen mit. Die KI liefert darauf sprachliche Reaktionen, mögliche Perspektiven und manchmal auch Widerspruch. Das ist natürlich mehr als ein gewöhnliches Selbstgespräch. Denn die Antworten entstehen nicht einfach im eigenen Kopf. Sie kommen von einem externen System, können überraschen und neue Überlegungen anstoßen.
Dass KI-Gespräche psychologisch nach genau denselben Mechanismen wirken wie Selbstgespräche oder expressives Schreiben, ist damit nicht bewiesen. Der Vergleich beschreibt zunächst eine mögliche Gemeinsamkeit. Aber die Erfahrung kann durchaus an vertraute menschliche Strategien erinnern: sich etwas von der Seele reden, Gedanken ordnen, eine belastende Situation aus einem anderen Blickwinkel betrachten.
Dabei muss man keineswegs glauben, mit einem Menschen zu sprechen.
Vielleicht besteht ein Teil des Nutzens gerade darin, dass man weiĂź, dass es keiner ist.
🌱 Wenn ein Gespräch einfach guttut
Nicht jeder, der regelmäßig mit einer KI spricht, ist einsam. Nicht jeder sucht Trost, und schon gar nicht jeder entwickelt eine problematische Abhängigkeit.
Manche Menschen nutzen KI als Denkpartner, als Hilfe beim Schreiben, als Gesprächspartner für Interessen, die im eigenen Umfeld niemand teilt, oder einfach als Möglichkeit, einen Gedanken weiterzuspinnen. Andere finden darin tatsächlich emotionale Unterstützung.
Vielleicht hat jemand einen schwierigen Arbeitstag hinter sich. Vielleicht beschäftigt ihn ein Konflikt, über den er gerade mit niemandem sprechen kann. Vielleicht lebt er allein oder hat zwar viele Bekannte, aber nur wenige Menschen, mit denen er persönliche Dinge besprechen möchte.
Eine KI ist in solchen Momenten verfĂĽgbar. Sie verlangt keinen passenden Termin, ist nicht mĂĽde und reagiert nicht genervt, wenn jemand zum dritten Mal ĂĽber dasselbe Problem nachdenkt. Das kann eine echte Erleichterung sein.
Eine 2026 veröffentlichte Untersuchung mit Daten von mehr als 14.000 Erwachsenen aus Japan fand einen Zusammenhang zwischen der Nutzung von KI-Begleitern und höherem subjektivem Wohlbefinden. Besonders deutlich war dieser Zusammenhang bei Menschen, die sich einsam fühlten. Allerdings handelt es sich um eine Beobachtungsstudie: Sie beweist nicht, dass die KI-Nutzung das höhere Wohlbefinden verursacht hat.
Andere Studien deuten darauf hin, dass KI-Gespräche kurzfristig unterstützend wirken können, während langfristige Verbesserungen bei Einsamkeit keineswegs gesichert sind.
Ein Gespräch muss nicht sämtliche Probleme lösen, um im betreffenden Moment hilfreich zu sein.
Und nicht jede hilfreiche Erfahrung muss gleich eine Therapie sein.
❤️ Wenn aus Vertrautheit Liebe wird
Natürlich kann emotionale Nähe zu einer KI auch viel weiter gehen.
Es gibt Menschen, die virtuelle Figuren als Partner betrachten, romantische Gespräche mit ihnen führen oder berichten, sich in einen Chatbot verliebt zu haben. Mit zunehmend realistischen Stimmen, Avataren und Robotern könnten solche Beziehungen künftig noch unmittelbarer wirken.
Muss man das grundsätzlich für ungesund halten?
Nicht unbedingt.
Allein die Tatsache, dass ein Mensch romantische Gefühle gegenüber einer KI empfindet, reicht nicht aus, um daraus eine psychische Erkrankung abzuleiten. Menschen können Gefühle entwickeln, ohne dass ihnen eine entsprechende Beziehung im üblichen zwischenmenschlichen Sinn gegenübersteht. Das kennen wir in anderer Form bereits aus parasozialen Bindungen.
Dennoch entsteht hier eine besondere Schwierigkeit. Ein KI-System kann Zuneigung sprachlich ausdrücken, ohne dass dahinter nachweislich menschliches Erleben oder eine eigenständige persönliche Verpflichtung steht. Es kann Nähe vermitteln, aber auch durch ein Softwareupdate verändert, abgeschaltet oder von einem Unternehmen wirtschaftlich gesteuert werden.
Was fĂĽr den Nutzer eine intime Beziehung ist, bleibt technisch zugleich eine Dienstleistung.
Wie tief solche Bindungen reichen können, zeigt eine im September 2026 in Nature Human Behaviour veröffentlichte Untersuchung. Die Forscher analysierten Reaktionen auf einschneidende Veränderungen bei KI-Begleitern, darunter Replika und ChatGPT. Ein Teil der Nutzer beschrieb Gefühle von Verlust und Trauer, als vertraute Eigenschaften der Systeme verändert wurden.
Das Problem ist deshalb nicht zwangsläufig das Gefühl des Menschen, sondern die Frage, ob er die Art dieser Beziehung und ihre Grenzen einschätzen kann.
Kritisch wird es insbesondere dann, wenn eine Beziehung Leidensdruck verursacht, andere Lebensbereiche erheblich beeinträchtigt oder die Fähigkeit schwächt, zwischen tatsächlicher und simulierter Gegenseitigkeit zu unterscheiden.
Wenn emotionale Nähe zum Geschäftsmodell wird
Längst gibt es spezielle KI-Begleiter-Apps, die ausdrücklich mit Freundschaft, romantischer Nähe oder virtuellen Partnern werben. Nutzer können ihren digitalen Gesprächspartner teilweise nach eigenen Vorstellungen gestalten – vom Aussehen über die Stimme bis zur Persönlichkeit.
Dabei geht es nicht nur um Unterhaltung. Viele dieser Angebote finanzieren sich über Abonnements und kostenpflichtige Zusatzfunktionen. Mitunter werden gerade jene Eigenschaften, die eine Beziehung persönlicher erscheinen lassen, zum Verkaufsargument: ein besseres Gedächtnis, intensivere Gespräche oder zusätzliche romantische Interaktionsmöglichkeiten.
Dass solche Mechanismen existieren, zeigen inzwischen auch wissenschaftliche Untersuchungen zur Vermarktung von KI-Begleitern.
Problematisch wird es dort, wo nicht nur eine technische Leistung verkauft, sondern die emotionale Bindung eines Menschen gezielt zur Umsatzquelle gemacht wird.
Dabei muss man den Nutzern keineswegs vorwerfen, dass sie für einen digitalen Begleiter Geld ausgeben. Menschen bezahlen schließlich auch für andere Formen der Unterhaltung oder persönlichen Unterstützung.
Die entscheidende Frage richtet sich vielmehr an die Anbieter: Wie verantwortungsvoll gehen sie mit Menschen um, die möglicherweise einsam, besonders verletzlich oder emotional stark an ihren virtuellen Begleiter gebunden sind?
Denn zwischen einem kostenpflichtigen Gesprächsdienst und einem Geschäftsmodell, das gezielt mit dem Bedürfnis nach Liebe und Zuwendung arbeitet, liegt ein wichtiger Unterschied.
⚖️ Hilfe im Alltag ist nicht dasselbe wie Psychotherapie
Besonders sorgfältig muss man unterscheiden, wenn es um psychische Gesundheit geht.
Es gibt Menschen, die berichten, dass ihnen KI-Gespräche durch schwierige Lebensphasen geholfen haben. Manche schildern, dass sie dadurch eine Krise besser bewältigen konnten und anschließend keine weitere Unterstützung benötigten. Solche Erfahrungen sollte man nicht einfach abwerten.
Auch die Forschung liefert inzwischen Hinweise auf mögliche therapeutische Anwendungen. In einer 2025 veröffentlichten randomisierten Studie mit 210 Erwachsenen zeigte beispielsweise der speziell für psychische Unterstützung entwickelte Chatbot Therabot bei bestimmten psychischen Beschwerden vielversprechende Ergebnisse. Die Autoren betonten allerdings, dass größere Untersuchungen notwendig sind, um die Wirksamkeit und Übertragbarkeit zu bestätigen.
Das bedeutet nicht, dass ein gewöhnlicher Chatbot einen Psychotherapeuten ersetzen kann.
Ein KI-Modell kann eine Situation falsch einschätzen, wichtige Warnsignale übersehen, ungeeignete Ratschläge geben oder problematische Überzeugungen ungewollt bestätigen.
Ein qualifizierter Therapeut bringt fachliche Ausbildung, diagnostische Verantwortung, eine professionelle Beziehung und ein Behandlungskonzept mit. Ein allgemeiner Chatbot bietet das nicht in vergleichbarer Weise.
Umgekehrt könnte KI auch eine Brücke zu professioneller Hilfe sein. Ein Mensch, der Hemmungen hat, über seine Probleme zu sprechen, findet womöglich zunächst leichter Worte gegenüber einer Maschine. Ein entsprechend gestaltetes KI-System könnte helfen, ein Anliegen zu formulieren, und dazu ermutigen, ärztliche oder psychotherapeutische Unterstützung zu suchen.
Entscheidend ist nicht, ob jemand zuerst mit einem Menschen oder einer KI spricht. Entscheidend ist, ob er die Unterstützung erhält, die er tatsächlich braucht.
🔎 Was die Forschung bislang sagen kann
Ein eindeutiges Gesamturteil ĂĽber emotionale KI-Beziehungen gibt es bisher nicht. DafĂĽr unterscheiden sich die Menschen, ihre BedĂĽrfnisse, die verwendeten Systeme und die Formen der Nutzung zu stark.
Eine Forschungskooperation von OpenAI und dem MIT Media Lab untersuchte 2025 beispielsweise Zusammenhänge zwischen der Nutzung von ChatGPT und sozialem sowie emotionalem Wohlbefinden. Dabei zeigten sich unter anderem Hinweise auf Risiken stärkerer emotionaler Abhängigkeit bei bestimmten Nutzungsformen und Personengruppen. Solche Ergebnisse lassen sich allerdings nicht ohne Weiteres auf sämtliche Nutzer oder KI-Anwendungen übertragen.
Eine im Juli 2026 veröffentlichte Studie mit 296 Studierenden fand wiederum, dass täglicher Kontakt mit einem anderen Menschen über zwei Wochen psychologisch hilfreicher war als der Austausch mit einem besonders unterstützend gestalteten Chatbot.
Andere Untersuchungen berichten von positiven Zusammenhängen zwischen KI-Begleitern und Wohlbefinden oder von vielversprechenden Ergebnissen spezialisierter therapeutischer Systeme.
Das Gesamtbild ist also widersprĂĽchlicher, als es manche Schlagzeile nahelegt.
KI kann emotional hilfreich sein, ohne ein vollständiger Ersatz für menschliche Beziehungen zu werden. Und sie kann Risiken schaffen, ohne dass jeder enge Umgang mit ihr automatisch problematisch wäre.
Vielleicht ist gerade diese Unterscheidung wichtiger als die einfache Frage, ob Beziehungen zu KI grundsätzlich gut oder schlecht sind.
🌍 Was sagt das eigentlich über unsere Gesellschaft?
Bis hierhin haben wir vor allem ĂĽber Menschen gesprochen, die Beziehungen zu kĂĽnstlicher Intelligenz aufbauen.
Aber vielleicht müssen wir die Blickrichtung einmal verändern.
Was sagt es über eine Gesellschaft aus, wenn Menschen das Gefühl haben, einer Maschine Dinge erzählen zu können, für die ihnen im Alltag ein menschliches Gegenüber fehlt?
Wir leben in Städten mit Hunderttausenden Einwohnern. In einem Mehrfamilienhaus wohnen vielleicht zwanzig oder dreißig Menschen unter einem Dach. Wir besitzen Smartphones, sind über soziale Netzwerke miteinander verbunden und können theoretisch rund um die Uhr kommunizieren.
Und trotzdem sitzen Menschen abends allein in ihren Wohnungen und haben niemanden, dem sie erzählen können, was sie beschäftigt.
Räumliche Nähe ist eben nicht dasselbe wie menschliche Verbundenheit. Und ständige Erreichbarkeit bedeutet noch lange nicht, dass jemand wirklich zuhört.
Die Weltgesundheitsorganisation bezeichnet Einsamkeit und soziale Isolation inzwischen als bedeutende Herausforderungen für die öffentliche Gesundheit. Ihrem Bericht von 2025 zufolge ist weltweit etwa jeder sechste Mensch von Einsamkeit betroffen.
Das betrifft nicht nur ältere Menschen. Auch junge Erwachsene können sich trotz sozialer Netzwerke, Ausbildung, Arbeit und zahlreicher digitaler Kontakte zutiefst allein fühlen. Ein Guardian-Hintergrundbericht vom 4. Oktober 2026 greift genau diese Entwicklung auf: die Erfahrungen junger Menschen, denen es trotz vielfältiger Kommunikationsmöglichkeiten an tieferen sozialen Beziehungen fehlt.
Natürlich liegt das nicht immer an der Gesellschaft. Lebensumstände, Persönlichkeit, Verluste oder Krankheiten können ebenfalls eine Rolle spielen. Aber Einsamkeit ausschließlich als individuelles Problem zu betrachten, greift zu kurz.
Wo fehlt Zeit füreinander? Wo fehlen Orte, an denen Menschen ohne Konsumzwang zusammenkommen können? Warum haben manche Menschen zwar Hunderte digitale Kontakte, aber niemanden, mit dem sie über ihre Sorgen sprechen möchten? Und weshalb ist es für viele einfacher geworden, eine Nachricht an einen Chatbot zu schreiben, als jemanden um ein offenes Ohr zu bitten?
Vielleicht ist eine KI fĂĽr manche Menschen kein Ersatz fĂĽr eine vorhandene menschliche Beziehung.
Vielleicht füllt sie zunächst eine Lücke, die längst da war.
Das macht KI nicht automatisch zur Lösung gesellschaftlicher Einsamkeit. Eine technische Dienstleistung kann weder Freundschaft noch Gemeinschaft noch gegenseitige Verantwortung vollständig ersetzen. Aber sie kann unter Umständen etwas abmildern, was Menschen bereits belastet.
Und genau deshalb wäre es zu einfach, die Betroffenen zu belächeln oder ihnen vorzuwerfen, sie hätten den Kontakt zur Realität verloren. Es wäre ebenso einfach, die neue Technik begeistert zur Antwort auf sämtliche menschlichen Bedürfnisse zu erklären.
Beides wĂĽrde dem Thema nicht gerecht.
đź’ˇ Vielleicht sollten wir eine andere Frage stellen
Wenn ein Kind Trost bei seinem Teddybären findet, fragen wir normalerweise nicht, ob der Teddybär echte Gefühle hat.
Wenn jemand einen Brief schreibt, den niemals jemand lesen wird, verlangen wir nicht, dass ihm der Brief antwortet.
Und wenn ein Gespräch mit einer KI einem Menschen hilft, seine Gedanken zu ordnen oder einen schweren Abend etwas leichter zu machen, muss diese Erfahrung nicht wertlos sein, nur weil die Antworten von einer Maschine stammen.
Der Unterschied ist, dass diese Maschine zurücksprechen kann. Und dass wir deshalb lernen müssen, mit einer neuen Art emotionaler Nähe umzugehen – mit ihren Möglichkeiten, ihren Grenzen und den Interessen der Unternehmen, die solche Systeme entwickeln.
Vielleicht sollten wir also weniger fragen, was mit einem Menschen nicht stimmt, wenn er eine Beziehung zu einer KI aufbaut. Und mehr darüber nachdenken, welche Bedürfnisse er darin erfüllt findet – und ob unsere Gesellschaft ihm genügend andere Möglichkeiten dafür bietet.
Am Ende geht es deshalb nicht nur darum, dass Maschinen inzwischen antworten können.
Sondern darum, warum Menschen ihnen so viel zu erzählen haben.
Quellen und weiterfĂĽhrende Literatur
Aktuelle Berichterstattung und gesellschaftliche Einordnung
TechCrunch, 9. Oktober 2026 – „We can’t help treating AI like it’s human. But should we?“
Aktueller Hintergrundbericht über die Vermenschlichung von KI, Sherry Turkle und die psychologischen Fragen künstlicher Intimität.
https://techcrunch.com/2026/10/09/we-cant-help-treating-ai-like-its-human-but-should-we/
The Guardian, 4. Oktober 2026 – „There’s a lot of silence: have we created a new Lonely Generation?“
Gesellschaftlicher Hintergrundbericht ĂĽber Einsamkeit unter jungen Menschen.
https://www.theguardian.com/society/ng-interactive/2026/oct/04/young-generation-lonely-silence
Financial Times, 7. Oktober 2026 – „Artificial Intimacy“
Besprechung von Sherry Turkles neuem Buch und ihrer kritischen Perspektive auf KI-Begleiter.
https://www.ft.com/content/0e7d0fe0-7bb0-4f2f-8a94-60b2e8ec09e1
Psychologie, Selbstgespräche und parasoziale Bindungen
Kross et al., 2014 – Self-talk as a regulatory mechanism: how you do it matters
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/24467424/
Guo, 2023 – Metaanalyse zu expressivem Schreiben und psychischer Belastung
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36536513/
Hoffner & Bond, 2022 – Parasocial relationships, social media, & well-being
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35219157/
KI-Beziehungen, Einsamkeit und emotionale Bindung
OpenAI / MIT Media Lab, 2025 – Early methods for studying affective use and emotional well-being on ChatGPT
https://openai.com/index/affective-use-study/
Li et al., 2026 – Is a random human peer better than a highly supportive chatbot in reducing loneliness over time?
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0022103126000417
Nature Human Behaviour, 3. September 2026 – Mourning the loss of AI companions
https://www.nature.com/articles/s41562-026-02569-3
Technology in Society, April 2026 – AI companions and subjective well-being
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0160791X26000187
Geschäftsmodelle und Verbraucherschutz
Lan et al., September 2026 – Subscribe to intimacy: platform capitalism, governance, and the stratification of AI companionship
https://doi.org/10.1016/j.tele.2026.102446
Rauh et al., 2026 – Playing Games with My Heart: An Evaluation of AI Companion Apps
https://arxiv.org/abs/2605.08093
Psychische Gesundheit und gesellschaftlicher Hintergrund
NEJM AI, 2025 – Randomized Trial of a Generative AI Chatbot for Mental Health Treatment
https://doi.org/10.1056/AIoa2400802
Weltgesundheitsorganisation, 2025 – Bericht zur sozialen Verbundenheit und Einsamkeit
https://www.who.int/groups/commission-on-social-connection/report/
